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Newsletter Dezember 2023

Newsletter Dezember 2023

Newsletter Dezember 2023
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«Gutes kann niemals aus Lüge und Gewalt entstehen.»

Mahatma Ghandi

Immer wieder, wenn wir langsam zur Ruhe kommen, und denken, dass wir das Schlimmste schon erlebt haben und wenn die letzten Krisen und die aktuellen Kriege etwas in den Hintergrund treten, auch wenn sie alles andere als andere auf eine friedliche Lösung zusteuern, dann passiert aktuell nochmals viel Schrecklicheres. Die Gewalt der Bilder aus dem Nahen Osten bedrohen uns im Innersten. Die Gedanken beeinflussen unsere Gefühle und umgekehrt, eine Spirale von Sorgen, Zweifel und Angst, manchmal auch Wut und Zorn, droht uns in die Tiefe zu ziehen. Noch nie zuvor waren mit grosser Wahrscheinlichkeit so viele Kinder, Adoleszente und Erwachsene in unserer Gesellschaft einsam, isoliert und depressiv, die Gesellschaft so gespalten und atomisiert und dies trotz, vielleicht auch wegen der sozialen Medien.

Wie können wir uns davor schützen?
Was können wir dagegen tun?
Wie können wir helfen?

All die Fragen drängen immer mehr auch in die Sprechstunde und in den Alltag der Praxis. Oft fühlen wir uns ebenso ohnmächtig all diesen Fragen gegenüber.

Wo bleibt Platz für das eigene persönliche Wohl, besonders im Kranksein?
Wo die Zeit, sich mit den nächsten Schritten und (s)einer weiteren Entwicklung zu befassen?

Immer wieder erleben wir, wie wichtig hier Sicherheit ist, selbst kleinste Inseln sind jetzt notwendig, um all den Stürmen, die um und in uns toben, im Persönlichen wie in der grossen weiten Welt, einigermassen zu trotzen und zu überstehen. Aus der Trauma-Forschung wissen wir, dass in diesem Augenblick menschliche Nähe, Wärme, gutes Essen und Trinken, auch Gespräche entscheidend sind, wie jemand eine Krise oder eine traumatische Erfahrung verarbeiten kann. Die Begegnung mit der Natur, z.B. durch tägliche Spaziergänge, Wanderungen, e-Bike, was auch immer. Sind diese «Grundbedürfnisse» vorhanden und unsere Motivation für diese gegenseitig vorhanden, kann oft noch mehr Leid verhindert werden. Manchmal braucht es «nur» dieses Gute, eine achtsame Präsenz, um das «Böse» in die Schranken zu weisen. Eine echte Gemeinschaft ist das Wichtigste. Manchmal wird auch unsere Praxis zu einer Insel oder einem Hafen der Hoffnung in solch einem Hurrikan. Darum setzen wir uns seit Jahren ein für eine «beziehungsorientierte Medizin». Spiritualität und Glaube können hilfreich sein, leider – wir erleben es aktuell immer wieder – werden Religionen immer noch für Kriege, persönliche Machtkämpfe und Erfolge sowie Unterdrückung missbraucht.

«Es würde sehr wenig Böses auf Erden getan werden, wenn das Böse niemals im Namen des Guten getan werden könnte.»

Maria von Ebner- Eschenbach

Jetzt steht Weihnachten vor der Tür.

Eine dunkle Zeit, wo uns ein Licht geschenkt wurde. In den meisten Religionen wird uns «Hilfe von oben» versprochen oder geschickt, und wir bitten und beten darum. Offenbar hat der Mensch immer wieder erfahren oder eingesehen, dass ihm in den «letzten Fragen», die Antworten ausgehen und er sprachlos wird. In den existentiellen Augenblicken ist er allein und damit oft heillos überfordert. Der Mensch, wir alle, brauchen vielleicht eine «göttliche oder spirituell- schöpferische Kraft», die uns begleitet. Wir wissen nicht, ob es diese Kraft gibt, viel glauben daran. Wenn ich all die Wunder dieser Welt sehe, nicht nur in der Natur, auch von Menschen gemacht zwischen Mozart, Michelangelo, Messi, Einstein, Freud und Gandhi, dann muss da eine «übermenschlich-schöpferische Kraft» wirken, möge sie uns inspirieren, unseren Weg zu mehr Frieden zu suchen, finden und gehen.

Praxisverkauf

«Die kürzesten Wörter, nämlich 'ja' und 'nein' erfordern das meiste Nachdenken»

Pythagoras

Anfang 2023 habe ich an dieser Stelle geschrieben, dass ich bis Ende 2024 die Praxis verkaufen möchte. Auch die Leitung der Praxis soll in jüngere Hände übergeben werden, damit ich sicher bis Ende 2025 als Hausarzt weiterarbeiten darf und will.

So bleibt mir genug Zeit für persönliche Gespräche zur «medizinischen Zukunft» mit Ihnen und ihren Angehörigen. Natürlich hoffen wir, dass die meisten bei der Salutomed bleiben, wir unterstützen sie jedoch auch aktiv bei der Suche nach neuen Hausärzt:innen.

Die letzten 2 Jahre waren – neben dem praktischen Alltag und all den Veränderungen um uns herum – geprägt von vielen Gedanken und Gesprächen, sei das innerhalb der Praxis, mit Patientinnen und Mitarbeiterinnen, aber auch mit Freunden und Familie.

Was ist der ideale Zeitpunkt?

Wie soll ich was kommunizieren?

Wie viel Information soll geteilt werden?

was behalte ich besser für mich?

Zu wenig Wissen kann zu (mehr) Unsicherheit führen, zu viel Information kann uns überfordern. Wie so oft, wie sie viele auch erlebt haben, in den grossen, wegweisenden Entscheiden in unserem Leben, sind wir allein. Es liegt an mir allein JA oder NEIN zu sagen, sei das bei der Berufswahl, in einer Beziehung, in einer Trennung, in wesentlichen Erziehungs- und Beziehungsfragen, und eben auch im Verkauf einer Praxis.

«An den Scheidewegen des Lebens stehen keine Wegweiser»

Charlie Chaplin

Salutomed war immer auch «ein Kind von mir». Bei all unseren Träumen, ob privat oder beruflich brauchen wir Visionen, die uns den Weg weisen. Ohne Träume und Visionen sind wir oft richtungslos, und ohne Richtung, ohne Ziel fühlen wir uns verloren. Diese Visionen haben immer auch mit unseren Werten zu tun. Sie konfrontieren uns mit uns selbst, sie stehen für unser Wesen, sie helfen uns – in einem inneren Dialog – uns zu entwickeln.

Doch das können wir nie allein. Wir brauchen Partner:innen, die uns begleiten, mal länger, mal kürzer, mal intensiver, mal mehr aus der Distanz – sie spiegeln unsere Seelen.

In der Beratung, wenn die Berge und ihre Gipfel zu hoch erscheinen, versuche ich immer, daraus kleinere Berge, die dann vielleicht als Hügel erscheinen, entstehen zu lassen. In einer Auslegeordnung auch verschiedene Ebenen und Themen, Schwerpunkte zu gestalten:

Was gehört zusammen, was ist wichtig?

was ist eher nebensächlich?

Was ist hilfreich?

Was wird zum Hindernis?

So geht es mir beim Verkauf. Wie schon Gotthelf meinte, das Leben ist auch eine gesunde Balance zwischen Geld und Geist. Die Praxis ist nicht nur ein Lebensinhalt, sie ist (auch) meine Altersvorsorge, weil ich von Anfang an, einen Grossteil der Dividenden (Gewinne) in die Weiterentwicklung der Vision gesteckt hatte und nicht in die zweite oder dritte Säule.

Die Idee einer «interprofessionellen und partizipativen (mit Patienten im Dialog) Hausarztpraxis», welche auf die Veränderungen im Umfeld nicht nur reagieren würde, sondern als ein Teil dieser Umwälzungen diese dann auch mitentwickeln würde, wir also auch Aktion statt hauptsächlich Reaktion in der Entwicklung wären, bleibt die Vision. Diese hilft vielleicht sogar Lösungen aufzuzeigen, wie wir nachhaltig Menschen in Not begleiten könnten. Das war und ist meine Herzensangelegenheit – le cri du coeur.

« Den größten Fehler, den man im Leben machen kann, ist, immer Angst zu haben, einen Fehler zu machen.»

Dietrich Bonhoeffer

Immer wieder brauchte es Mut, gewisse Schritte zu tun, sei es aus einer Einzelpraxis eine Gruppenpraxis zu gründen (1995-2005) oder sich wieder zu trennen und eine der ersten hausärztlichen Aktiengesellschaften zu errichten (2006). Später folgten dann der Ausbau von menschentrierter Interprofessionalität im Team durch Anstellungen von Psychologinnen oder Pflegefachfrauen, aber auch der Aufbau des Patientenforums, das uns über 10 Jahre sehr wichtige Hinweise gegeben hat und bietet, Meilensteine und Eckpfeiler zu setzten, um die Praxis bis heute und für die Zukunft weiterzuentwickeln. Nicht alles ist mir/uns geglückt. Gleichzeitig sind wir uns als Team aufgrund meiner Wahrnehmung selbst treu geblieben, durften eine gute Balance leben nicht nur zwischen Geld und Geist, sondern auch zwischen Sicherheit und Freiheit. Dies in einer Zeit, wo alle mehr Sicherheit brauchen, vieles reglementiert und kontrolliert wird, mit immensem administrativem Aufwand, meistens auf Kosten der Freiheit und mir sehr fraglichem Gewinn für unsere Patient:innen. Folgende Fragen begleiten mich/uns:

 

Welche Institution wäre bereit, unsere Philosophie weiterzutragen?

Wie diese einzigartige Balance von (neuer) Sicherheit und Freiheit gewährleisten?

Wo könnten wir weiter innovativ und kreativ, lösungsorientiert unterwegs bleiben?

Wo wird die Grundversorgung am besten unterstützt und weiterentwickelt?

 

Aktuell sind die Verhandlungen im Gang und auf gutem Weg, viele wichtige Schritte sind getan, wichtige Entscheide stehen noch an. Wie so oft zeigen sich im Endspurt die wesentlichen Knackpunkte, Fragen, die mehr Zeit zur Erörterung brauchen. Die meisten Themen hängen mit der aktuellen Situation im Gesundheitswesen zusammen, wo die Grundversorgung immer mehr aus dem Gleichgewicht kommt und an den Rand gedrängt wird. (davon mehr am Ende des Newsletters). Sie werden in den nächsten Newslettern weiter informiert werden, wo wir stehen und gehen.

«Der Verstand kann uns sagen, was wir unterlassen sollen. Aber das Herz kann uns sagen, was wir tun müssen.»

– Joseph Joubert

Menschen

In diesem Übergang sind die Menschen die entscheidende Ressource sowie Sicherheit, dass es gut kommt. Darum haben wir die Schwierigkeiten Ende 2022 und Anfang 2023 mit dem belastenden Weggang von Frau Fankhauser innerhalb kürzester Zeit mit einem, teilweise neuen, menschlich wie fachlich so kompetenten Team überwinden können. Dieses Team hat uns in den letzten Monaten nicht nur die Alltagsarbeit und das hausärztliche Kerngeschäft erleichtert, sondern wird uns auch in der aktuellen Neuorientierung tatkräftig zur Seite stehen. Es sind dies die vier Säulen:

«Es hängt von dir selbst ab, ob du das neue Jahr als Bremse oder als Motor benutzen willst.»

– Henry Ford
  1. Das MPA-Team mit Frau Natalie Odermatt als MPK (Praxiskoordinatorin) sowie altgedienten und neumotivierten MPA, wo Regina Nyffeler, Sarah Villars, aber auch Jenny Bleuer und Cristina Villars gemeinsam mit jüngeren MPA’s: Emira Demiri, Taisha Chiwai, Dawlat Tarrab, Rina Hajrizi, Jylia Osmani und den Lehrlingen Julia Schor und Anisa Selimi am gleichen Strick ziehen, tatkräftig unterstützt von Marlies Schneeberger als Pflegefachfrau.
  2. Das Sekretariat mit Frau Anja Luginbühl mit Team: Joy Garau und Mia Huber als Nahtstelle zu unseren Beratern von Fuchs und Partner; dazu kommen eine Vielzahl von Medizinstudent:innen am Telefon: Celine Fiumina, Lia Hinderling, Fabian Wagner, Sara Waber, Laura Anne Vogel, Aurèle Dionys Sutter, Klara Schnyder, Nelja Basic und Leonard Quartier-dit Marie
  3. Die Hausärztinnen (mit Pflegefachfrauen) wo wir auf die bewährten Hausärztinnen Simone Hegner und Christine Huber sowie auf neue Kräfte um Natalie Ceesay zählen dürfen, aktuell mit den PAA: Anneke Fischer, Istvan Lindi und Virginia di Barrio. Dazu kommen wieder vermehrt Spontanbewerbungen von Praxisassistenzärztinnen.
  4. Die Psychiatrie und Psychosomatik (Bernstrasse 161). Nach der vorübergehenden Krise ohne Führung 2022 kam es mit Emil Sabanovic und seinem Team: Lavinia Duda und Adriatik Komoni, mit Unterstützung von Natalie Ceesay, zu einer Neuorientierung und Renaissance eines wegweisenden Konzepts, auch als Lehrpraxis angedacht, für Krisenintervention, Psychosomatik sowie hausärztliche Psychiatrie.

All diese vier Säulen bilden ein starkes Fundament mithelfen, so dass eine «neue Praxis» darauf aufbauen und sich für ein neues Zeitalter weiterentwickeln können wird.

Abschiede

« Wir sind nicht nur verantwortlich für das, was wir tun, sondern auch für das, was wir nicht tun.»

– Molière

Im letzten Newsletter ist mir ein Missgeschick passiert. Frau Theres Vogel hat uns als Pflegefachfrau im Frühjahr 2023 verlassen. Ihren Abschied vergass ich an dieser Stelle zu würdigen und hole es jetzt gerne nach. Sie war eine der Pionierinnen in unserer Initiative «Salutomed.care», wo wir seit 2020 Pflegefachfrauen in der Hausarztpraxis angestellt haben. Sie hat viel dazu beigetragen, dass aus einem Projekt nun Praxisalltag geworden ist.

Salutomed. Care war auch dank dem PGV-Projekt mit der Gesundheitsförderung Schweiz möglich geworden (2019-2023). Wir sind überzeugt, dass die Mitarbeit von Pflegefachfrauen in der Hausarztpraxis- ähnlich wie Psychotherapeutinnen oder Sozialarbeiterinnen – im Sinne des biopsychosozialen Modells – eine grosse Zukunft haben. Nur so können wir gemeinsam und als Team all die «vulnerablen Menschen- Gruppen» mit ihren oft sehr komplexen körperlichen, sozialen und psychologischen Leiden würdevoll und zielorientiert begleiten, immer mehr kommen auch kulturelle Aspekte neu dazu.

Leider verlässt uns auch Frau Ursula Stutz, zuerst PAA, dann Hausärztin. Sie hatte unser Team sehr gut verstärkt und sollte in die Nachfolge hineinwachsen, leider ist dies aktuell nicht möglich, am besten kann sie dies selbst wiedergeben: Ich schätze die Arbeit bei der Salutomed Praxis sehr. Es ist eine sehr sinnstiftende Medizin, welche Menschen mit komplexen Krankheiten ausserordentlich gut versorgt. Dies braucht besonders viel Energie, die ihr alle jeden Tag mit einbringt. Ich habe für mich entschieden, meine Energie in der nächsten Zeit mehr meiner Familie zuzuwenden.

«Wer das Ziel kennt, kann entscheiden. Wer entscheidet, findet Ruhe.Wer Ruhe findet, ist sicher. Wer sicher ist, kann überlegen. Wer überlegt, kann verbessern.»

– Konfuzius

Gedanken zum Gesundheitswesen von heute und morgen

Als ich 1995 die Einzelpraxis von Peter Mosimann übernehmen konnte, meinte er, fast etwas mit einem schlechten Gewissen, «ich habe die goldenen Zeiten der Hausarztmedizin erleben dürfen, jetzt geht es leider bergab; ich hoffe, dass es bis am Ende deines Berufsweges wieder aufwärts gehen wird…» Leider sollte er Recht behalten, dementsprechend war sein Kaufpreis sehr fair. In den letzten 25 Jahren war zunehmend die Rede von einer «Kostenexplosion», dies in einem Gesundheitswesen, das zunehmend von der Ökonomie bestimmt wurde. Die Politik unterstütze diese Entwicklung «der Konkurrenz und des freien Wettbewerbs», eine Strategie, welche mit kranken, meist leidenden Menschen meiner Meinung nach grundsätzlich nicht vereinbar ist. Trotzdem wird daran festgehalten. Wir leben in einer Leistungs- und Konsumgesellschaft, deren Schattenseiten wir immer wieder und immer mehr realisieren und am eigenen Leib zu spüren bekommen.

Die Prämien steigen weiter, alle «korrigierenden Massnahmen» zeigten kaum akzeptable Lösungen, die Unsicherheit der meist älteren und/oder sozial schwächeren Menschen nimmt zu, ebenso die Unzufriedenheit der mitarbeitenden Profis.

Wir haben – spätestens seit Corona – nicht mehr in erster Linie ein Kostenproblem, sondern ein Versorgungs- und immer mehr auch ein Qualitätsproblem.

«Ohne Sicherheit vermag der Mensch weder seine Kräfte auszubilden noch die Frucht derselben zu genießen; denn ohne Sicherheit ist keine Freiheit.»

– Wilhelm von Humboldt

Damit meine ich weniger die Qualität der einzelnen Spezialist:innen, sondern in erster Linie die «Versorgungsqualität» eben dieser «vulnerablen Menschen», die oft neben vielen chronischen Krankheiten auch soziale oder psychische Schwierigkeiten haben – es braucht also das vielzitierte «biopsychosoziale Modell». In unserem immer fragmentieren, auf die akut-medizin ausgerichteten und gewinnmaximierten Gesundheitswesen wird dieses Modell ebenso wenig beachtet und umgesetzt, wie neuere Ansätze wie z.B. die Salutogenese, das Meikirch – Modell oder das Systemische Sichtweisen. Die Menschen gehen zunehmend vergessen und später auch verloren.

Die Freiheit besteht in erster Linie nicht aus Privilegien, sondern aus Pflichten.

– Albert Camus

Kein Wunder, dass aktuell 30% der teuer ausgebildeten Mediziner:innen sich überlegen, ihren Beruf zu wechseln, der so viel anders geworden ist, als sie sich im Gymnasium vorgestellt hatten. Ihre Hauptaufgaben in den Spitälern besteht in erster Linie in «administrativen Sicherheitsarbeiten», einerseits um nichts zu verpassen und andererseits, um im Rahmen der Fallkostenpauschalen, möglichst viele Diagnosen zusammenzustellen (ICD-Codierung), damit der Aufenthalt der Menschen im Spital, kein Verlustgeschäft wird, sondern ein Gewinn. Die Zeit mit den Patient:innen wird immer kürzer und knapper, für tiefergehende, oft heilsame Gespräche fehlt die Zeit (und die Kraft). Wie so viele Fachleute im Gesundheitswesen leiden sie unter den verschiedenen Hüten, die sie tragen müssen (wie z.B. Vertrauensärztinnen oder Sozialarbeiter:innen). Sie dienen buchstäblich verschiedenen Herren und werden ihren eigenen (Jugend) Träumen untreu. Sie suchen vermehrt «als wir Alten» eine gute, optimale Life – Work- Balance, wollen etwas weniger arbeiten, dafür mehr Zeit und Raum für ihre Familie bzw. Freizeit finden. Wenn sie ihren Lebensstandard gleich hochhalten wollen und/oder gar Karriere machen möchten im Gesundheitswesen, dann müssen sie entweder Spezialist:in werden (mit oft deutlich mehr, bis zu einem doppelten Einkommen als in der Grundversorgung) oder sie machen nach dem Bachelor einen Master, der nur noch im Spital eine Anstellung findet. Nicht selten werden sie zu «Lehrmeister-innen» mit deutlich weniger Erfahrung als früher.

Es findet also ein deutlich spürbarer Sog aus der Grundversorgung in Richtung «Spital- Spitzen bzw. universitärer Medizin» statt, wo Geld, Ruhe und Erfolg aber auch Sicherheit einfacher zu erreichen und zu behalten ist als in der Grundversorgung, zumal diese von vielen Organisationen zusätzlich angegriffen und bedroht wird.

Wer andern gar zu wenig traut, hat Angst an allen Ecken; wer gar zu viel auf andre baut, erwacht mit Schrecken.

– Wilhelm Busch

Kürzlich mussten wir dem BAG beweisen, dass wir die Menschen anlässlich den COVID Tests (in einem besonderen Praxisraum) wirklich befragt und teilweise untersucht hatten! Das brachte uns letzte Woche mehr als zwei Stunden Mehrarbeit. Wir hätten auch 10’000.- zurückzahlen können, einfach so, wenn wir den Beweis nicht hätten erbringen wollen (oder können). Ähnliche «Machtspiele» erleben wir in der Grundversorgung immer häufiger; Massnahmen von Verwaltungen gesteuert, die mir scheinen, als dass einige Institutionen weniger ihre Kontrollfunktion erfüllen, sondern vielmehr auch für ihr eigenes Budget beachten (müssen); manchmal kommt das Gefühl auf, dass dies Teil einer Geschäftsstrategie sein könnte.

So hat die santésuisse seit 2017 viele Kolleg:innen (auch die Salutomed) wegen «unwirtschaftlichem Arbeiten» angeklagt, vorher schon brieflich verwarnt. Die meisten Kolleg:innen überweisen anschliessend ihre Patient:innen schneller zu Spezialisten, die dann die Kosten veranlassen, oder verrechnen als Folge der Verwarnung ihre Leistungen nicht mehr, damit sie unter dem Radar der santésuisse wegtauchen. Sollte es zur Anklage kommen geben in den «Vergleichsverhandlungen» klein bei, bekennen sich also indirekt «schuldig», damit sie in Ruhe gelassen werden. Das bleibt nicht spurlos, auch die jungen Kolleg:innen hören davon und machen sich zu Recht Sorgen, wohin diese Entwicklung führen könnte.

Dazu kommen immer mehr administrative Arbeiten zwischen Datenschutz, Arbeitssicherheit und Qualitätsbemühungen, alles sicher sinnvoll. Allerdings machen wir das aus persönlich, professionell – ethischen Gründen schon seit Beginn unserer Praxistätigkeit.

Der Staatsdienst muss zum Nutzen derer geführt werden, die ihm anvertraut werden, nicht zum Nutzen derer, denen er anvertraut ist.

– Cicero

Die verschiedenen Verwaltungen behandeln uns in der Grundversorgung trotz viel kleineren Budgets und weniger Ressourcen gleich wie die grossen Uni- und Privatspitäler oder die Spezialisten (diese werden kaum überprüft).

Am (dunklen) Horizont wartet ein unausgegorenes, elektronischen Patientendossier, das die administrativen Berge noch weiter erhöhen wird. So verwundert es nicht, dass viele Profis in der Grundversorgung einen (Aus) Weg suchen. Sie lassen sich bei Organisationen anstellen (die ihrerseits mittelfristig auch gewinnmaximiert arbeiten werden…) oder suchen sich eine andere Nische oder hören eben auf, sei es in der Pflege, in den Apotheken, in Hausarztpraxen (dies gilt auch für Kinderärztinnen und Psychiater:innen) oder in der Physiotherapie (schlechtere Tarife), auch in der Ergotherapie sehen wir ähnliche Entwicklungen.

Was tun?

Wenn wir wirklich eine positive Veränderung wollen, müssen wir demütig unsere wechselseitige Abhängigkeit akzeptieren, das heißt unsere heilsame wechselseitige Abhängigkeit. Interaktion ist aber nicht gleichbedeutend mit Auferlegung, es ist keine Unterordnung der einen zugunsten der Interessen der anderen.

– Franziskus

Wir müssen gemeinsam- nicht jedes «Gärtli» für sich (Pflege, Hausärz:innen, Physio etc.)  – für eine «neue Grundversorgung» kämpfen, zuerst die Politik davon überzeugen, dass wir nur so zukünftig ein gutes Gesundheitswesen bewahren können. Die Grundversorgung muss das Zentrum des Gesundheitswesens werden mit gemeindenahen Versorgungsmodellen, wo das Sozial- das Gesundheits- und das Gemeinwesen gemeinsam in einem gesundheitsfördernd- präventiven Ansatz zu «ihren Bürgern» schauen hilft.

Dieser Ansatz wird dazu führen, dass die Menschen später (chronisch) krank werden, auch anders vielleicht auch später zu Spezialisten überwiesen werden, sicher aber später und weniger oft ins Spital müssen. Es liegt auf der Hand, dass sich hier einige mächtige Stakeholder (ohne Namen zu nennen) – vielleicht sogar unwissentlich oder unbewusst –

dagegen wehren, weil sie Angst haben, dass ihre Gewinne einstürzen könnten; möglicherweise sind ihre Sorgen berechtigt. Doch es geht jetzt «ums Ganze» und um die «einzelnen Menschen» in ihrem Leiden. Dass dabei auch die Natur eine wesentliche Rolle spielen wird, sei es gesundheitsfördernd oder krankheitsverursachend, ist uns nicht erst seit der Corona- Pandemie bewusst, umso mehr braucht es «ganzheitliche- systemisch- salutogene» Lösungsansätze.

Der Mensch hat dreierlei Wege klug zu handeln: durch Nachdenken ist der edelste, durch Nachahmen der einfachste, durch Erfahrung der bitterste.

– Konfuzius

In den letzten Jahren habe ich all die drei Wege des «klug Handelns» erleben dürfen.

Ich bin in erster Linie sehr dankbar, was mir/uns nicht nur durch «unsere Klugheit» gelungen ist, denn Vieles war auch Glück und Gnade, dass wir im richtigen Augenblick, achtsam und wachsam waren, im wichtigen Zeitpunkt JA oder NEIN sagten, auch mit viel Vertrauen von ihnen als Patientinnen oder den Mitarbeiterinnen, die sich nicht selten anstrengen mussten, um mit meinem Tempo mitzuhalten.

Dieser grosse Dank möchte ich auch an euch alle, die ihr diese Zeilen liest, weitergeben. Mit dem Lesen des Newsletters sind sie Teil dieses unseres Weges (unseres Teams), sei es im Nachdenken, im Nachahmen oder in der Erfahrung und damit auch Teil all der Erfolge – und der (wenigen) Enttäuschungen der letzten Jahre. Danke

Es gibt keine Freiheit ohne gegenseitiges Verständnis

– Albert Camus

Michael Deppeler und Salutomed Team